Treiber des Kulturwandels im Beschaffungswesen

Februar 2025

Das öffentliche Beschaffungswesen in der Schweiz durchläuft einen tiefgreifenden Wandel. Während der Dialog und die Berücksichtigung von Varianten in Ausschreibungen rückläufig sind, gewinnen Nachhaltigkeitskriterien, Innovationsförderung und Angebotsplausibilität zunehmend an Bedeutung. Die Umstellung auf die überarbeitete Plattform von simap.ch markiert dabei einen weiteren Schritt in Richtung eines digitalisierten und effizienteren Vergabeprozesses.

Seit dem 1. Juli 2024 werden öffentliche Ausschreibungen über die modernisierte Plattform von simap.ch veröffentlicht. Da das neue System nicht mit der vorherigen Version kompatibel ist, wurde auch der Vergabemonitor der Schweizer Bauwirtschaft überarbeitet. Durch die Harmonisierung der Datensätze vor und nach der Umstellung bleibt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erhalten, während zusätzliche Anpassungen am Datenmodell für eine präzisere Analyse der Trends sorgen.

Entwicklung der öffentlichen Beschaffungen
Die Totalrevision des öffentlichen Beschaffungswesens ist mittlerweile in 22 von 26 Kantonen in Kraft. Im vierten Quartal 2024 wurden insgesamt 5256 Ausschreibungen erfasst, wovon 46% auf das Baugewerbe, 5% auf das Ingenieurwesen und 1,8% auf die Architektur entfielen. Insgesamt wurden für die Untersuchung 74% aller veröffentlichten Ausschreibungen berücksichtigt.

Qualitätskriterien mit differenzierter Entwicklung
Der Anteil qualitativer Vergabekriterien im gleitenden Mittel ging im vierten Quartal 2024 um 5,8% auf 51,9% zurück. Die Bauwirtschaft konnte sich diesem Trend jedoch teilweise entziehen: Während Architekturaufträge einen Rückgang von 2,1% auf 69,2% verzeichneten, stieg der Anteil von Qualitätskriterien im Ingenieurwesen um 0,7% auf 66,3% und im Baugewerbe um 0,5% auf 45%. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Kanton Basel-Stadt, wo der Anteil von Qualitätskriterien bei Bauaufträgen seit dem 1. Februar 2024 von 26,2% auf 42,5% gestiegen ist.

Nachhaltigkeit als stärkste Triebkraft
Der entscheidende Faktor für den Kulturwandel im Beschaffungswesen ist jedoch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien. In 35% aller Ausschreibungen mit qualitativen Vergabekriterien wurden im vierten Quartal 2024 nachhaltige Aspekte berücksichtig, ein Anstieg von 23% gegenüber dem Vorquartal. Besonders stark fiel die Zunahme bei Bundesvergaben aus, wo der Anteil um 34,7% auf 35,1% anstieg.

Während sich der Anteil an Nachhaltigkeitskriterien zwischen Januar 2021 und Dezember 2023 bereits fast verdoppelt hatte, setzte sich dieser Wachstumstrend 2024 noch einmal verstärkt fort. Ein möglicher Einflussfaktor ist der Systemwechsel auf die neue simap.ch-Plattform. Der generelle Trend deutet jedoch darauf hin, dass Nachhaltigkeit zunehmend als zentrales Kriterium in der öffentlichen Beschaffung etabliert wird.

Innovationsförderung und Angebotsplausibilität gewinnen an Bedeutung
Auch die explizite Erwähnung von Innovationskriterien nimmt zu. Während Innovation weiterhin nur in 1% der Ausschreibungen genannt wurde, stieg dieser Wert im Vergleich zum Vorquartal um 28,8% und im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um 95,1%. Besonders stark wuchs die Berücksichtigung der Angebotsplausibilität, die sich auf 2,3% aller Ausschreibungen mit Vergabekriterien ausweitete. Dieser Wert liegt 54% über dem Vorquartal und ganze 277,9% über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Rückgang von Dialogverfahren und Varianten
Im Gegensatz zu den steigenden Nachhaltigkeits- und Innovationskriterien wurden Dialogverfahren und Varianten seltener genutzt. Im vierten Quartal 2024 wurden Dialoge in nur noch 1,7% der Ausschreibungen vorgesehen, ein Rückgang um 10,8% gegenüber dem Vorquartal und 20,8% gegenüber dem Vorjahr. Auch die Zulassung von Varianten nahm ab und erreichte noch 18% der Ausschreibungen, mit negativen Wachstumsraten von -10,2% im Quartalsvergleich und -21,7% im Jahresvergleich.

Nachhaltigkeit prägt die Zukunft der öffentlichen Beschaffung
Die zunehmende Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien zeigt, dass das Beschaffungswesen in der Schweiz einen tiefgreifenden Kulturwandel durchläuft. Während klassische Qualitätskriterien in einigen Bereichen rückläufig sind, gewinnen Aspekte wie Nachhaltigkeit, Innovationsförderung und Angebotsplausibilität stark an Bedeutung. Die Einführung der neuen simap.ch-Plattform könnte dabei als Katalysator gewirkt haben, wobei zukünftige Analysen zeigen müssen, inwieweit die Systemumstellung langfristige Auswirkungen auf die Vergabepraxis hat. Klar ist jedoch: Die öffentliche Beschaffung entwickelt sich zunehmend in Richtung ökologischer und nachhaltiger Standards.

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